Goldner Herbst an den Kanälen

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Nach einem beruflich bedingten Aufenthalt in der Schweiz habe ich Mitte September mit Tonatiuh in Gigny wieder ablegt, bin die Saône rauf bis Chalon geschippert und dort in den Canal du Centre abgebogen.

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Im Hafen von Chalon
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In der ersten Schleuse am Eingang des Canals du Centre

..Am Fuss der Weinberge Burgunds entlang durch schöne und wohl auch durch den Weinanbau wohlhabende Dörfer ins industriell geprägte Westburgund.

Atelier de Construction de Génelard

Industriedesign aus der Zeit des Art Déco

Hier sind die Kleinstädte und Dörfer entvölkert, die Minen sind geschlossen und Arbeitsplätze gibt’s kaum mehr. In vielen Dörfern ist fast jeder zweite Laden geschlossen und zu verkaufen.”Die Jungen ziehen alle weg …” berichtet ein Schleusenwärter ” meine drei Kinder haben im Elsass, in Grenoble und in Marseille Arbeit gefunden.” Eine Ausnahme ist Paray-le-Monial, ein Pilgerort, der vom religiösen Tourismus ganz gut zu leben scheint. Eine romanische Basilika mit einem lichtdurchfluteten Innenraum  ist denn auch wirklich sehenswert.

In Génelard sind Rosa und Heidi nochmals für einige Tage zugestiegen. Ich habe mich auf ihre Gesellschaft gefreut, eine willkommene Abwechslung zum Alleine-unterwegs-sein.

Kanalbrücke in Digoin

Kanalbrücke in Digoin

In Digoin nach der riesigen Kanalbrücke über die Loire, sind wir auf den Canal de Digoin à Roanne abgebogen. Das ist ein Stichkanal, der nur bis Roanne führt. Allerdings sind wir eine Etappe vorher bereits umgekehrt, nachdem uns verschiedene Skipper vor dem verkrauteten Hafen in Roanne gewarnt haben. “le canal tranquille” heisst er auf der Abzweigetafel in Digoin, und so war’s denn auch: Kaum Verkehr und eine persönliche Betreuung durch die Schleusenwarte bei jeder Schleuse. Eine Weile lang hat uns ein Eisvogel begleitet und ist in mehreren Etappen vor uns her geflogen. Allerdings immer in vorsichtiger Distanz. Mehr als ein türkisblaues Aufblitzen im Flug und etwas Rotbraunes beim Sitzen auf den Zweigen war nicht zu erkennen. Umso erstaunter war ich ein paar Tage später, als ich beim Einfahren in eine Schleuse einen Eisvogel auf dem Geländer des Schleusentors sitzen sah, der sich erst rührte , als ich mit dem Bug bereits auf gleicher Höhe war. Für eine Foto hat’s nicht gereicht, ich war wieder alleine auf dem Boot und mit dem Einfahren in die Schleuse beschäftigt. Ich schmücke hier meinen Beitrag mit fremden Federn.

Heidi und später auch Rosa waren inzwischen zurückgereist und ich habe nach der Rückkehr nach Digoin noch einen Abstecher auf dem Canal lateral à la Loire bis Decize gemacht. Decize hat einen riesigen, gut ausgestatteten Hafen, der aber zu 3/4 leer war. Wohl wegen der Jahreszeit, aber vielleicht auch, weil er noch neu und zu wenig bekannt ist. Die Grosse Wäsche hat mich einen Tag beschäftigt, daneben habe ich die Backkiste auf dem Oberdeck gestrichen und einen Ausflug mit dem Zug nach Nevers gemacht. Nochmals einen Tag in der Schweiz, um mich für einen Auftrag zu bewerben. (Ich weiss immer noch nicht, ob’s geklappt hat!?) Das habe ich verbunden mit einem Besuch in der Fondation Beyeler in Riehen und im Vitra-Museum in Weil am Rhein. Die teilweise monumentalen Figuren von Schütte haben mich sehr beeindruckt.

Decize war am 12. Oktober der Umkehrpunkt meiner Herbstreise, der Weg zurück auf den gleichen Kanälen, auf denen ich gekommen war. Das mach ich eigentlich nicht gern: den gleichen Weg zurückgehen oder in diesem Fall fahren. Es hat mich wehmütig gestimmt. Mitte Oktober hat mich Andreas für ein paar Tage begleitet zwischen Génelard und Saint-Léger-sur-Dheune. Er war das erste Mal auf einem Kanalboot und wollte ausprobieren, was seinen Sohn und seine Tochter diesen Sommer so begeistert hat. Und es hat ihm gefallen, das gemächliche Forwärtskommen auf dem Wasser, die morgendlichen Nebel über dem Kanal und die Herbstfarben. Leider hat er einen Tag nach seiner Abreise eine prächtige Herbstwanderung durch die Weinberge oberhalb Cheilly und Santenay verpasst. An diesem Tag hat wirklich alles gestimmt: Leuchtende Herbstfarben in den Weinbergen, klare, milde Luft, strahlender Himmel. Einzige Enttäuschung: Für das Nachtessen an der Grappillage (Nachläset) sind zuwenig Anmeldungen zusammengekommen, deshalb wurde sie abgesagt. Das versteh ich nicht: Praktisch alle im Dorf leben vom Weinbau und für das Winzerfest mag sich niemand mehr engagieren. In den Weinbergen habe ich eine mögliche Erklärung gesehen: Praktisch alle Trauben sind maschinell geerntet worden. Das braucht a) weniger Leute und die Maschine lässt kaum mehr übersehene Trauben zurück und die Mechanisierung trägt wohl zur Entfremdung von den alten Bräuchen bei.

Auf dem Canal du Centre war kaum mehr Verkehr. Zeitweise war ich das einzige Boot, das an diesem Tag die Schleusen passierte. Damit hatte ich bei vielen Schleusenabschnitten meinen persönlichen Schleusenwärter, der mir mit dem Auto vorausfuhr und die Schleusen für mich bereit machte. Überhaupt: Ein gosses Lob für die Voies navigables de France und ihre Eclusiers. Für relativ wenig Geld erhalten sie eine riesige und sehr empfindliche Infrastruktur und bieten einen ausgezeichneten Service. Die meisten der Eclusiers sind freundlich bis gesprächig, ein paar wenige mufflige Ausnahmen bestätigen die Regel. Jetzt im Winter werden die meisten von ihnen nicht mehr an den Schleusen arbeiten, sondern die Kanalböschungen flicken und unterhalten.

Noch ein kleines Erlebnis aus der letzten Etappe: Im Hafen von Saône hat mir ein Amerikaner die Leine abgenommen. Er ist mit einer Gruppe von sieben Segelkamaraden vom Tampa Sailing Club (Florida) unterwegs, die für einmal mit einem Hausboot in Europa unterwegs sind. An diesem Tag allerdings, sind sie nicht gefahren. Sie haben einen Schwan gesehen, der verletzt schien.  Bis sie ihn einfangen und zum Veterinär gebracht hatten war es Abend geworden. Der Schwan hatte einen Fischhaken in seiner Zunge und zudem seinen Hals in der Leine verheddert. Jetzt war er auf ihrem Boot, noch etwas benommen von der Betäubung und die Crew höchst zufrieden mit dem guten Ausgang ihres Abenteuers. Ich konnte nur noch etwas frischen Fisch zur Genesung des Schwans beitragen. Am nächsten Morgen haben sie ihn freigelassen und er hat sich – immer noch etwas benommen – wieder auf’s Wasser gewagt.

Jetzt ist die Tonatiuh in Saint-Jean-de-Losne in der Werkstatt und ich wieder zuhause in Aeschi. Die provisorische Reperatur der Welle soll nun definitv gemacht werden. Dazu muss das Boot ausgewassert und die Welle ausgebaut werden. Das heisst, ich muss das Boot nach der Reperatur noch nach Corre ins Winterlager bringen. Das wird voraussichtlich in der ersten Dezemberwoche sein. Wenn mir da jemand auf dieser  Fahrt zu einer aussergewöhnlichen Jahreszeit Gesellschaft leisten will, dann freut mich das sehr. Das ist aber sicher nichts für Gfröhrlige. Im Bett und Schlafsack wird’s warm genug sein, tagsdurch wohl auch, wenn die Maschine läuft. Am kältesten wohl beim Aufstehen, bis der Ofen die Kajüte etwas gewärmt hat.

Für das nächste Jahr habe ich ganz grob bereits die Route festgelegt: Von Corre die Saône runter, bei Lyon in die Rhône bis Baucaire und dann westwärts im Canal du Midi über Toulouse und den Canal lateral à la Garonne nach Bordeaux und die Garonne-Mündung. Nach einem Abstecher in die Dordogne geht’s dann wieder zurück in den Norden. Es wäre schön, einige von Euch für eine paar Tage oder Wochen dabei zu haben! Falls Euch das interessiert, meldet Euch!