Die Nacht auf dem Vulkan

Die letzte halbe Stunde des Aufstiegs hat mich völlig geschafft. Alle 200 Meter musste ich wieder verschnaufen, und wenn mir nicht Kajla angeboten hätte, mir den Rucksack abzunehmen, hätte ich es kaum mehr geschafft. Morgens um drei sind wir dann endlich angekommen, völlig durchnässt und durchfroren, nach sechs Stunden Aufstieg. Gedacht war, dass wir nachts aufsteigen, um dann um sechs den Sonnenaufgang zu bewundern. Das war wohl nicht der richtige Tag. Blitz und Donner haben uns begleitet.

Los ging’s am Freitag nach einer ziemlich mühsamen Diskussion, wie die Begleitung eines Gerichtsfalls in Puerto Barrios gestaltet werden soll. Nach langem Hin und Her sind wir übereingekommen, dass wir’s machen wie das letzte Mal und allfällige Änderungen der Begleitung ausserhalb der Gerichtstermine mit Angelika, der Person die wir begleiten, besprochen werden.

ÖV in Guatemala

Um fünf Uhr nachmittags holt uns Hugo, unser Taxista des Vertrauens, zuhause ab, und durch den Feierabendverkehr brauchen wir eine Stunde bis zur Haltestelle der Busse nach Antigua. Die Camineta (die US-Amerikaner sagen dem Chicken-Bus) ist gut besetzt: Zu sechst sitzen die Passagiere in einer Querreihe mit vier Sitzplätzen; das geht so: die vier, die zuerst da sind, rücken etwas zusammen, damit die Neuzugestiegenen je mit einem halben Füdlibacken Platz finden. Die Durchgänge sind schmal genug, dass die beiden in der Mitte aneinander Halt finden. Etwas unbequemer ist’s, wenn eine Sitzreihe vorübergehend nur mit fünf Person besetzt ist. Ohne Körperkontakt geht das nicht. Wer nun befürchtet, die Luft würde bald einmal dick, liegt falsch, denn die Fenster und die vordere Türe bleiben offen, und auch der vollbesetzte Bus bleibt recht gut durchlüftet. Zur Vollbesetzung gehören übrigens nicht nur sechs Personen in jeder Querreihe, sondern auch mindestens ein Passagier stehend zwischen jeder Querreihe.

In Antigua steigen wir um in einen Minibus, noch etwas dichter besetzt. Zwei Jugendliche, die innen nicht mehr Platz haben, hängen in der offenen Schiebetür. Es geht nach Santa Maria de Jesus, einem Marktflecken auf 2070m und Ausgangspunkt der Wanderung auf den Volcan de Agua.

Wagen wir’s? – oder doch lieber nicht?

Im Tourismusbüro erkundigen wir uns nach den Wegbedingungen und den Wetteraussichten. Der Weg sei soweit gut begehbar, aber es sei ein Gewitter im Anzug. Ein Führer sei leider nicht verfügbar. In unserer 10er-Gruppe brauchen die Entscheidungen immer etwas Zeit, niemand hat wirklich Lust auf einen Aufstieg im Regen, aber jetzt, wo wir schon mal hier sind ….. Als wir uns dann doch noch für den Aufstieg entscheiden, ist es inzwischen 10 Uhr und einer der Wegmacher, die eben von ihrer Tagesarbeit an einem Ausguck halb-oben zurückkommen, erklärt sich bereit, uns zu begleiten. Der Weg wäre tagsüber ganz gut ohne Führer zu machen er ist gut signalisiert, aber nachts und unter diesen Bedingungen, scheint es uns doch sicherer, einen Ortskundigen bei uns zu haben.

Aufstieg bei Wind und Regen

Die ersten paar Stunden geht’s ganz locker über Stock und Stein immer bergauf. Der Weg entspricht nicht ganz den Normen der Schweizer Wanderwege: Die Wege sind immer auch Bachbette mit Geröll und zum Teil so sehr ausgewaschen, dass daneben ein paralleler Weg in das Unterholz gehauen ist. Der Unterhalt beschränkt sich dann auch darauf, dafür zu sorgen, dass der Weg nicht zuwächst und Umwege auszuholzen, wenn er wirklich nicht mehr begehbar ist. Zuerst nieselt es, dafür sind wir ausgerüstet und vom Aufstieg haben wir noch warm genug. Der Führer, Arnoldo, erkundigt sich immer wieder, ob wir noch mögen und ob das Tempo für alle so gut sei. In den letzten zwei Stunden nimmt der Regen zu, und oberhalb der Baumgrenze sind wir dem Wind stärker ausgesetzt. Ich bin auch unter der Regenjacke von Schweiss völlig durchnässt. Die Pausen dienen nur noch dazu, zu verschnaufen, länger möchte niemand rasten, weil’s bald einmal kalt wird. Und gegen Schluss wird der Aufstieg zur Qual. Bei mir ist’s offensichtlich, ich muss alle paar hundert Meter verschnaufen und die andern, um die vierzig Jahre jünger, sagen mir am nächsten Morgen, noch nie hätten sie vorher eine solche Tortur erlebt! Bei den kleinen Rasten merke ich nicht mehr die müden Beine und Atem und Herz, die sich erholen müssen, ich könnte auch auf der Stelle einschlafen, denn inzwischen ist es zwei Uhr morgens nach einem vollen Tag an der Arbeit. Als wir am Ziel sind, so mindestens schaut es aus, kündigt der Führer an, nur ein kleines Stückchen weiter oben gebe es einen heissen Kaffee. Nun, ein kleines Stückchen wäre schon noch zu schaffen, es erweist sich dann als eine halbe Stunde und weitere 200 Höhenmeter. Auf dieser letzten Strecke nimmt mir dann Kajla den Rucksack ab. Nochmals herzlichen Dank Kajla!

Angekommen!

Oben angekommen nach sechs Stunden Aufstieg, kriegen wir tatsächlich Unterkunft in einem mit Matratzen belegten Raum der Radio- und Funktelefonstation. Dass wir wenig Platz haben, ist unter diesem Umständen eher ein Vorteil: Wir wärmen uns gegenseitig in der Löffelchenstellung. Nach einer halben Stunde bringt uns einer der Wächter der Funkstation heisse Fertigsuppen, für uns ein Festmahl. Danach schlafen wir ein paar Stunden unterschiedlich gut. Ein paar haben keinen Schlafsack dabei und versuchen zu dritt mit zwei Schlafsäcken zurecht zu kommen. Das geht, braucht aber viel Koordination, wenn sich eine oder einer drehen möchte im Halbschlaf.

Vernebelte Aussichten

Nach einer kalten Nacht …. bereit für den Abstieg (c) Lisa Beck

Catherine möchte unbedingt den Sonnenaufgang sehen- sie übernimmt es für alle, um sechs rauszugehen und das Wetter zu erkunden. – Nebel, nichts zu sehen. Alle drehen sich noch mal und nehmen noch einmal eine Mütze voll Schlaf. Um halb acht stehen wir dann auf, wohl noch nicht ganz frisch, aber auch nicht mehr völlig kaputt. Der Nebel hat sich etwas gelichtet, und wir sehen gegenüber den Volcan de Fuego

mit einer Rauchwolke, der einzige aktive Vulkan in der Gegend. Dazwischen liegt der Amatitlán-See. Gegen Süden haben wir einen schönen Blick auf die Pazifikküste und die Ebene davor, bekannt für ihre Bananen und Oelpalmen- Plantagen. Und im Zentrum des Kraters liegt der Kratersee, der dem Vulkan seinen Namen gegeben hat.

Der Volcan rechts mit der Rauchfahne, die an der Begseite hinabfliesst, ist der Volcan de Fuego, (c) Lisa Beck

Der Volcan rechts mit der Rauchfahne, die an der Begseite hinabfliesst, ist der Volcan de Fuego, (c) Lisa Beck

Der Volcan de Agua hat übrigens die Siedlungsgeschichte des Landes stark beeinflusst: Der Krater des Vulkans füllte sich im 16. Jahrhundert mit Wasser und zerbarst letztlich am 11. September 1541 unter dem steigenden Druck. Die Geröll- und Schlammlawine zerstörte die damalige guatemaltekische Hauptstadt (Ciudad Veija), welche durch die spanischen Eroberer wenige Jahre zuvor gegründet worden war. Diese Katastrophe führte in der Folge zur Gründung der neuen Hauptstadt ‚La Muy Noble y Leal Ciudad de Santiago de los Caballeros de Goathemala (heute Antigua Guatemala). Der ging es, trotz ihres schönen Namens, auch nicht viel besser: Antigua wurde am 29. Juni 1773 durch ein schweres Erdbeben völlig zerstört. Deshalb entschieden die Behörden sich für einen Umzug in die nur 45 km entfernte Ermita-Hochfläche, wo sich heute Guatemala-Stadt befindet.

Im Wald da sind die Räuber…..

Der Abstieg beginnt eigentlich ganz locker, einzig das Warten in der zugigen Morgenkälte, bis alle bereit sind, ist etwas mühsam. Ich gehe langsam bergab, weil ich meine Knie schonen möchte. Die Gruppe akzeptiert das. Wir freuen uns alle, dass es nicht regnet. Die meisten von uns haben trockene Sachen dabei. Und jetzt haben wir auch mehr von der Landschaft, als beim Aufstieg. Auf den obersten zweihundert Metern ist ein lockerer Baumbestand mit vielen farbigen Blumen und Büschen ähnlich den Alpenrosen, dem Heidekraut oder dem Wachholder. Dann wird der Wald dichter und auf etwa halber Höhe (2800 m) beginnen bereits die Kulturen: Mais, Erbsen, Kefen, grüne und schwarze Bohnen. Die Bauern haben auch keinen andern Weg, um zu ihren Feldern zu kommen. Für schwere Lasten benutzen sie Esel. Einigen von ihnen begegnen wir beim Abstieg. Sie warnen uns vor Räubern weiter unten. Wir sammeln deshalb Kameras und Handys ein und geben sie unserem Führer in seinen Rucksack. Er meint, das sei sicherer so. Wir sollten ein paar Noten bereit halten, die wir uns allenfalls rauben lassen können. Von weiteren Einheimischen auf dem Aufstieg hören wir dann, dass die Polizei bereits unterwegs sei, und tatsächlich kommt uns etwas später ein Polizist entgegen. Unklar bleibt, ob die Räuber nun vertrieben sind, oder nur einen taktischen Rückzug gemacht haben. Uns ist das letztlich gleich, wir sind ihnen jedenfalls nicht begegnet. Gegen ein Uhr sind wir im Dorf unten, vier Stunden hat der Abstieg gedauert. Das ist mir zwar in die Beine gefahren, aber Kniebeschwerden habe ich keine.

Home, sweet Home

Der Heimweg ist etwas weniger mühsam als der Hinweg, denn der Verkehr ist etwas weniger dicht vor der Hauptstadt und um 16 Uhr sind wir wieder zuhause. Gesprochen wird in der Gruppe nicht mehr viel, alle sind hundemüde. Das war für uns alle eine Strapaze, die wir so schon lange nicht mehr erlebt haben: 10 Stunden Auf- und Abstieg in 24 Stunden. Zuhause dann reicht’s noch für eine Dusche und dann schlafe ich von 17 Uhr bis 6 Uhr morgens durch. Eine Locura, eine Verrücktheit, war das, darin sind wir uns einig. Aber auch ein Abenteuer, das ich nicht missen möchte.

7 Gedanken zu “Die Nacht auf dem Vulkan

  1. ..das klingt nach einer Challenge..! Dass Dich mal eine Bergwanderung so fordert, da braucht es schon einen guatemaltekischen Vulkan, da kann der Niesen einpacken;)

    Liebi Grüess aus Tunis, Esther

    PS: Alia und ich sind nächste Woche in Bern zu Besuch! Wir stossen dann auf Deinen Aufstieg – und geglückten Abstieg an!

  2. Herzlichen Dank für den Bericht “Nacht auf dem Vulkan”! Spannend und informativ. Es ist schön, etwas dabei sein zu können. Liebe Grüsse Ursula

    • Liebe Sarah, Gisela, Ursula und lieber Thomas
      herzlichen Dank für Eure Rückmeldung. Schön zu hören, dass meine Beiträge gelesen werden und dass Einiges davon Euch interessiert und vielleicht auch erheitert. Gestern hat der Präsident Otto Perez Molina entscheiden, dass er nicht zurücktreten wird. Im Kabinett wird einsam um ihn. Vor ein paar Tagen haben ihn die Minister für Bildung verlassen Wirtschaft. Gestern war’s der Minister für Gesundheit. Heute sind noch keine Rücktritte bekannt geworden …..
      Mit lieben Grüssen Peter

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