Elektrizität spaltet das Dorf …

Fortsetzung von „Hannah, die Hebamme“                                                English version

Nach zwei Jahren haben sich Hannah, eine belgische Hebamme und ihr Mann in Yalanhuitz, einem kleinen Dorf im Norden von Huehuetenango an der Grenze zu Mexiko, recht gut eingelebt. Der erste Teil dieses Artikels beschreibt das gegenseitige Lernen der Hebamme und ihrer indigenen Kolleginnen, den comadronas. Dann aber wurde dieser vielversprechende Anfang bedroht durch einen Konflikt im Dorf.

 Elektrizität spaltet das Dorf …
In der Nähe von Yananhuitz, in Ixquisis wird ein Staudamm und ein Elektrizitätswerk PDH (Promocíon y Desarrollos Hídricos) geplant. Das hat Folgen für das Dorf. Das Projekt spaltet das Dorf in Befürworter und Gegner. Die einen hoffen, dass die Elektrizitätsversorgung endlich auch in ihrem Dorf Einzug hält. Das ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass eine Familie ca. 300 Quetzals (ca. 40 CHF) pro Monat für Kerzen ausgibt; dies bei einem gesetzlichen Mindestlohn von 1200 Q/Monat (ca. 150 CHF). Die Befürworter hoffen auch, dass der Kraftwerkbau lokal Arbeitsplätze schaffe und dafür eine befestigte Strasse gebaut werden muss, die dann auch das Dorf nutzen kann. Die Gegner trauen diesen Hoffnungen und Versprechungen nicht, weil sie von andern Dörfern wissen, dass die produzierte Elektrizität durch grosse Überlandleitungen in die Städte geleitet wurde, aber das Verteilungsnetz in den Dörfern nie gebaut worden ist. Zudem befürchten sie Umweltschäden durch den Infrastrukturausbau des Kraftwerks, Überflutungen von Kulturland und Siedlungen oberhalb des Damms und stark verminderte Durchflussmengen des Flusses unterhalb. Die Kraftwerksgesellschaft versucht die Stimmung im Dorf zu ihren Gunsten zu verändern, indem sie Infrastrukturprojekte (Sportplatz, Gemeindehaus, Schule) finanziert und die Lehrkräfte bezahlt. Einzelne Gemeindemitglieder lassen sich auch von der Kraftwerksgesellschaft kaufen, indem sie gegen Geld ihre Stimme in Gemeindeversammlungen zugunsten des Kraftwerksprojekts erheben. Dies ist in Guatemala nicht ungewöhnlich, die meisten grossen Parteien kaufen sich auf diese Weise ihre Stimmen bei den Wahlen.

….und wirkt sich auf die Arbeitsbedingungen aus
Der Konflikt in der Gemeinde hatte auch für Hannah und ihren Mann direkte Auswirkungen. Sie wurden von den einen verdächtigt, auf der Seite des Kraftwerks zu stehen und anderseits glaubten die Kraftwerksgesellschaft und ihre Anhänger im Dorf, sie würden die Leute gegen das Projekt aufhetzen.

Deshalb hatte der lokale Bürgermeister und die COCODE, (der lokale Rat für Gemeindeentwicklung) eine Versammlung einberufen, und sie und ihren Mann eingeladen, zu diesen Vorwürfen Stellung zu nehmen. Sie haben betont, dass das Gesundheitszentrum nicht durch die Kraftwerksgesellschaft finanziert würde und sie beide in diesem Konflikt neutral seien und einzig der Gesundheitsversorgung verpflichtet. Es war eine sehr emotionale Versammlung, in der es ihnen nicht gelungen ist, die Vorwürfe und Verdächtigungen wirksam auszuräumen. Sie haben auch eine entsprechende Erklärung am Gesundheitszentrum angeschlagen, aber das half auch nicht viel und ihre Haltung wurde nicht verstanden. „Wie könnt ihr neutral sein, wenn es um die Umwelt und die Gesundheit unser Kinder und Kindeskinder geht?“

Überstürzte Flucht
Im Mai 2014 nahmen die Spannungen nicht nur in ihrem Dorf zu, sondern vor allem auch in der ganzen Region. In Barillas und San Mateo versammelten sich Kraftwerksgegner und 800 zogen gemeinsam los, um die Kraftwerksinstallationen in Ixquisis zu blockieren. Durch die familiären Beziehungen der Dorfbewohner zu Leuten in Barillas und San Mateo erfuhren sie in der Nacht vorher von diesem Vorhaben. Das Dorf fühlte sich gefährdet und die Familien bereiteten sich darauf vor, in die Berge und über die Grenze nach Mexiko zu flüchten. Auch Hannah und ihr Mann wurden gewarnt, und sie entschieden sich, ihre Tiere und ihr Haus den Nachbarn in Obhut zu geben und sich aus dem Dorf zurückzuziehen, bevor der Protestzug in ihrem Dorf ankommen würde. Aber auch in die andere Richtung wurde die Strasse durch Protestierende blockiert und sie wurden erst nach Verhandlungen durchgelassen. Der einzig noch offene Fluchtweg war der Weg über die Grenze nach Mexiko. Dort warteten sie ab, bis sich die Lage etwas beruhigt hatte und beratschlagten zusammen, ob und wie sie ihr Projekt fortsetzen könnten. Sie kamen zum Schluss, dass unter diesen angespannten Bedingungen eine Weiterarbeit nicht mehr möglich sei. Ihr Mann reiste direkt nach Belgien zurück und sie ging nochmals ins Dorf, um sich zu verabschieden. Es war für sie ein schmerzlicher Abschied von vielen freundschaftlichen Beziehungen, die sich nach zwei Jahren langsam zu vertiefen begonnen hatten, von ihrer engsten Kollegin und Mentorin Maria und von einem Projekt, für das sie sehr viel Herzblut vergossen hatte.

Trennung und Neubeginn
Im Vorfeld des 5.Mai hatten die beiden Ehepartner immer wieder Diskussionen über die Sicherheitslage. Er empfand die Lage schon längere Zeit als brenzelig und war dafür, das Projekt abzubrechen. Sie dagegen vertrat die Meinung, dass dies vorübergehende Schwierigkeiten seien, dass die Spannungen über den Kraftwerksbau sich wieder beruhigen würden und es ihnen letztlich gelingen würde, das Vertrauen der ganzen Gemeinde zu gewinnen.

Zurück in Belgien und aus grösserer Distanz wollten sie gemeinsam sich Zeit nehmen für eine Neuorientierung. Ihre Differenzen im Umgang mit dem Risiko waren nicht zu überwinden: Dort kamen beide zum Schluss, dass sie sich besser trennen: ihr Ex-Mann geht heute seiner Berufung als Schriftsteller nach und Hannah kehrte nach Guatemala zurück für einen neuen Einsatz als Hebamme in Rio Dulce.

Quellen:
http://www.prensalibre.com/huehuetenango/Nuevo-conflicto-Huehuetenango_0_1133286678.html

http://www.plazapublica.com.gt/La%20hidroel%C3%A9ctrica%20que%20encendi%C3%B3%20la%20chispa%20en%20San%20Mateo%20Ixtat%C3%A1n

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