Gelebte Demokratie bei den Ch’orti´

Wir treffen bereits am Mittwoch bei Commundich in Camotán ein. Die Versammlung, die wir begleiten sollen, ist zwar erst am nächsten Morgen, aber am Vorabend soll ein Vorbereitungstreffen mit den Bürgermeistern der indigenen Gemeinschaften stattfinden. Commundich ist die Koordination der indigenen Dörfer des Maya-Volkes der Ch’orti´. Als wir eintreffen, sind schon einige da und warten draussen im Hinterhof und in den Hängematten. Die Atmosphäre ist entspannt, und nach und nach treffen die übrigen Bürgermeister ein. Alle mit einem weissen Hemd und einem polierten Holzstab, der mit einem farbigen geflochtenen Band geschmückt ist. Die meisten von Ihnen sprechen spanisch, und wir plaudern mit ihnen über das Wetter und die Trockenheit in diesem Sommer. Die Bürgermeister sind alles Männer, mit einer Ausnahme: Livia. Sie ist in ihrem Dorf Bürgermeisterin und arbeitet mit im Sekretariat von Cummundich. Als es dunkel wird, ruft sie der Sekretär nach drinnen zur vorbereitenden Sitzung. Wir bleiben draussen und warten, bis sie fertig sind. Nach dem Nachtessen holen sich alle drinnen Schilf- und Schaumstoffmatten und richten ihr Lager im Freien ein. Glücklicherweise hat es weder Moskitos noch anders Kleingetier, und wir schlafen recht gut und bequem, bis die Hähne krähen.

Am Morgen nochmals letzte Regieanweisungen an die Bürgermeister und an den Maya-Priester, der nun erkennbar ist durch ein imposantes rotes Kopftuch und eine rote Bauchbinde. Gegen acht Uhr machen sie sich auf zur Versammlungshalle in der Dorfmitte, und wir folgen ihnen nach, jetzt angetan mit unseren grünen Westen mit dem Aufdruck: Acoguate, acompañantes internacionales. Jetzt kommen auch die Leute aus den Dörfern – die meisten in Pick-ups – vier Leute in der Führerkabine und bis zu zwanzig auf der Ladefläche; Alte, Junge, Kinder und Säuglinge. Die Ch’orti´tragen keine Trachten, aber alle haben sich schön gemacht für diesen Tag. Der Sekretär hat den Ablauf perfekt orchestriert, und dazu trägt auch die Bühnengestaltung bei: Vorne ganz oben links eine Bühne für die drei ModeratorInnen, Studierende der nächsten Universität in Chiquimula. Etwas tiefer rechts die Bühne für die lokalen, staatlichen Bürgermeister-KandidatInnen. Links unten die Maya-Bürgermeister und unten in der Mitte die Ehren-Zeugen dieses Aktes: der Maya-Priester und die beiden katholischen Gemeindeleiter. Und rechts unten das Organisationskomitee.

Nach den Begrüssungsansprachen mit viel Pomp „dia historico“ ruft der Maya-Priester die guten Kräfte an, die dieses Ereignis begleiten sollen. Dann spielt die Regie ab Band den Fahnenmarsch und die guatemaltekische Flagge zieht ein, begleitet von zwei Ehrendamen, darunter die Ch’orti´ Bürgermeisterin, die sich für diesen Anlass eine Art Tracht angezogen hat. Der Nationalflagge folgen die Dorffahnen. Und dann singt die ganze Versammlung alle Strophen der Nationalhymne. Danach erinnert der Sekretär an die Vorgeschichte des heutigen Tages: Vor 12 Jahren haben sie sich zum ersten Mal versammelt und Forderungen des Ch’orti´-Volkes den Kandidierenden vorgetragen. Damals ging es „nur“ um die Wahrung ihrer Landrechte. Damit hatten sie einigen Erfolg und heute hat sich der Kreis der teilnehmenden Organisationen der Zivilgesellschaft auf zwölf erweitert und der Forderungskatalog ist auf sieben Bereiche angewachsen. Die heute präsentierten Anliegen sind im letzten Jahr in Arbeitsgruppen erarbeitet und an einer ähnlichen Versammlung im Mai, ohne die KandidatInnen, verabschiedet worden.

Für jeden Bereich trägt nun eine Sprecherin, ein Sprecher die entsprechenden Forderungen vor. So wird zum Beispiel gefordert, dass die Frauenbeauftragte der Gemeinde bei der Budgetplanung zu beteiligen sei, damit Frauenprojekte angemessen berücksichtigt werden. Zu den folgenden Themenfeldern werden Forderungen vorgetragen: Bildung, Kinder- und Jugendschutz, Frauenförderung, Ernährung, Umweltschutz und natürliche Ressourcen, Gesundheitsversorgung und Förderung traditioneller Heilverfahren und Rechte der Indigenen Bevölkerung. Die Forderungen sind ziemlich allgemein formuliert und sollten für die Gewählten eigentlich recht gut zu erfüllen sein.

Nach der Vorstellung des Forderungskatalog werden die eingeladenen KandidatInnen aufgerufen. Von circa einem Dutzend KandidatInnen sind fünf anwesend und werden mit Applaus begrüsst. Auch dieser Teil des Ereignis ist gut inszeniert: Nach jedem Namensaufruf ist ein Moment Stille, bis sich die Kandidatin, der Kandidat nach vorne begibt und mit Applaus gegrüsst wird und sich auf seinen Stuhl setzt. Die Abwesenden werden mit Stille zur Kenntnis genommen und ihre Stühle bleiben leer. Die anwesenden KandidatInnen werden nun aufgefordert, in fünf Minuten sich zur Frage zu äussern, wie und mit welchen Mitteln sie diese Forderungen umsetzen wollen, falls sie gewählt werden. Alle bleiben die Antwort schuldig und tragen Ausschnitte aus ihrem Parteiprogrammen vor, die sich inhaltlich mit dem Forderungskatalog überschneiden. Die einen in freier Rede und wortgewandt mit viel Brimborium, andere etwas unbeholfener ab Blatt. Alle erhalten höflichen Applaus. Während dieser Stellungnahmen kommt verspätet noch ein Kandidat dazu im Werbehemd seiner Partei. Er wird höflich an die Spielregeln dieser Veranstaltung erinnert: keine Waffen, keine Wahlpropaganda der Parteien, etc. und deshalb wieder ausgeladen. Er zieht wieder ab unter Applaus des Publikums.

Alle KandidatInnen werden eingeladen, das Dokument mit den Forderungen zu unterzeichnen mit der Ermahnung, dass – falls sie gewählt werden – sie an diese Unterschrift erinnert werden und von ihnen Rechenschaft verlangt wird, was sie zur Umsetzung beitragen haben. Der Maya-Priester und die beiden katholischen Gemeindeleiter bezeugen diesen Akt als Ehren-Zeugen ebenfalls mit ihrer Unterschrift.

Zum Schluss spielt die Regie wieder den Fahnenmarsch ein und die Nationalflagge und die Fahnen der Dörfer werden hinausgetragen. Nach der Verabschiedung spielt eine lokale Musikgruppe zur Unterhaltung auf, und die BesucherInnen machen sich langsam auf den Rückweg in ihre Dörfer. Während der Veranstaltung hat sich die Polizei diskret im Hintergrund gehalten.

Für mich war das ein Beispiel, dass lebendige Demokratie auch in Guatemala möglich ist, wenn die Organisationen der Zivilgesellschaft dazu die Initiative ergreifen und, dort wo es sie gibt, auch die indigenen Gemeindeautoritäten einbeziehen. Unsere Anwesenheit hat für die Sicherheit des Anlasses wohl keine grosse Bedeutung gehabt, die Gefährdung war relativ klein. Früher war das vielleicht anders. Aber sie wurde von den OrganisatorInnen und den indigenen Bürgermeistern als Anerkennung und moralische Unterstützung ihrer Arbeit empfunden.

Am Abend setzen wir uns mit der einzigen indigenen Bürgermeisterin, ihrem Mann, dem Sekretär von Commundich und zwei Besuchern aus der Hauptstadt ins lokale Thermalbad und lassen den Tag nochmals Revue passieren. Für sie war das eine erfolgreiche Zwischenetappe, auf die sie lange hingearbeitet haben und sich jetzt freuen, dass alles so gut gelungen ist. Und wir freuen uns, dass wir in einer politisch unsicheren Gegenwart an einem konstruktiven, zukunftsweisenden Ereignis teilhaben durften.

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