Lyon ist eine Reise wert

… und ein paar Tage Halt in seinem futuristisch gestalteten Hafen. Angenehme lebendige Atmosphäre rund um den Hafen und, obwohl die Capitainerie und das Jugendhaus im selben Gebäude sind, entgegen meinen Befürchtungen nachts erstaunlich ruhig. Mit dem Tram und der Metro ist es 20 Minuten in die Innenstadt mit vielen Museen, und auf der andern Rhone-Seite mit einer lebendigen Altstadt.

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Dort habe ich eine Vorstellung des Guignol-Theaters besucht, dem Pendent zu unserem Kasperli. Und dabei gelernt, dass der Guignol in Lyon von einem arbeitslos gewordenen Seidenweber geschaffen wurde, um die Leute vom Schmerz abzulenken, den er ihnen in seinem neuen Beruf als Bader (Zahnzieher) verursachte. Gleichzeitig waren die Vorstellungen auf den Jahrmärkten für das Publikum willkommene Unterhaltung und für ihn ein probates Werbemittel. Die sozialkritische Tradition des Guignol hat also seine Wurzeln in den Bedingungen der Seidenindustrie, die ganz ähnlich wie im Appenzell die Baumwollstickerei im Verlagssystem organisiert war. Ich werde auf dem Rückweg gerne wieder ein paar Tage in Lyon halt machen, vielleicht hat ja dann die Opern- und Konzertsaison bereits angefangen. Jetzt war es leider zu spät dafür.

Nach Lyon musste ich mich von der Saône verabschieden und mich an die Rhone gewöhnen, an ihre Breite und an die stärkere Strömung, und in den letzten Tagen auch an den stetigen Nordwind. Die Riesenschleusen sind wegen ihrer Schwimmpollern kein Problem; vor allem beim Runterschleusen sind die Strömungen in der Schleuse sehr sanft. Die Gegend nach Lyon ist stark industrialisiert und ich hatte mich darauf eingestellt, dass die Landschaft entsprechend grau sein wird. Das war überhaupt nicht so, denn die Fluss- und Kanalufer sind meist grün, dem Kanal entlang zwar etwas eintönig und gradlinig, aber immerhin grün. Die Routenplanung ist etwas schwieriger, weil‘s unterwegs nicht mehr so viele Möglichkeiten gibt, unterwegs festzumachen. So bin ich schneller vorwärts gekommen als ich eigentlich wollte, bis gestern …..

Gestern war ein aufregender Tag: Auf der Höhe von St. Villier ist mitten auf dem Fluss der Motor ausgefallen. Schon vorgestern hat er ab und zu ohne mein Dazutun von 1200 auf 1400 Touren beschleunigt und nach ca. 30 sec. sich wieder auf die normale Tourenzahl beruhigt. Ich habe mich zwar gewundert, aber mir nicht wirklich Sorgen gemacht. Bis eben kurz nach St. Villier, beim km 77, der Motor nicht nur auf 1200 zurückgegangen ist, sondern ganz abgestellt hat. Und nicht mehr zu starten war. Die Toniatuh driftet manövrierunfähig auf der Rhone! Kein anderes Schiff in Sicht. Ein Kilometer weiter vorne kommt eine Kurve. Werde ich auflaufen? Das Boot driftet inzwischen quer im Fluss. Es stehen Fahrwasserbaken im Weg, auf die ich aufprallen könnte. Ich werfe den Anker. Das geht aber nicht so einfach, weil die Ankerkette mehrmals klemmt. Zuerst will der Anker auch nicht greifen, aber mindestens der Drift ist jetzt verlangsamt. Nachdem die ganze Kette draussen ist, findet der Anker festen Grund. Ich liege zwar nicht mitten im Fahrwasser, aber immer noch innerhalb der Fahrwassermarkierungen auf der rechten Seite. Deshalb rufe ich die letzte Schleuse an, um ihnen meine Panne zu melden, damit sie die Warnung an die grossen Lastkähne weitergeben können. Von der Schleuse erhalte ich auch eine lokale Nummer für die Dépannage. Für den ist aber mein Boot zu gross und zu schwer, er würde Jimmy in Valance avisieren. Dieser meldet sich dann auch nach einer halben Stunde, er wäre in ca. 2 Stunden bei mir! Ein lange Wartezeit, in der ich nichts machen kann. Es kommen während dieser Zeit keine Boote vorbei. Jimmy meldet sich später nochmals; er sei in einer Viertelstunde bei mir. Kurz danach kommt mir ein Frachter entgegen, der mit mir über Funk Kontakt aufnimmt: Ob ich Hilfe brauche? Er wisse, dass ihm ein Passagierboot entgegenkomme, das mich vielleicht zur nächsten Anlegestelle schleppen könne. – Nein, danke, Hilfe sei bereits unterwegs. Und auch das Passagierboot meldet sich über Funk mit demselben Hilfsangebot. Nach zwei Stunden ohne Kontakt bin ich plötzlich umgeben von Hilfswilligen. Kurz danach trifft Jimmy ein mit einem kleinen Schulboot, etwa halb so lang wie die Tonatiuh. Ich reiche die Abschlepptrosse rüber und beginne den Anker hochzuwinden. Eine schweisstreibende Angelegenheit, die ca. 15 min dauert und erschwert wird, weil durch den Zug des Abschleppbootes die Kette manchmal verkantet. Danach beginnt eine 4stündige Abschleppfahrt nach Valence, bei der ich auch steuern muss, damit die Tonatiuh nicht hin und her schwoit. Um 8 Uhr sind wir endlich im Hafen.

Weil heute Samstag ist, ist kein Mechaniker mehr verfügbar. Immerhin konnte ich für Montag einen Termin abmachen. Das heisst, ich habe wieder ein paar unfreiwillige Hafentage. Heute habe ich mir Valence angesehen und sein Museum zur armenischen Emigration. Es scheint, dass sich nach 1915, der Verfolgung der Armenier durch die Ottomanen und die Türken, viele Armenier in Valence niedergelassen haben. Es gibt deshalb auch ein armenisches Viertel in der Stadt. Morgen, wenn das Wetter mitspielt, steht eine Velotour auf dem Programm.

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