5000 verschwundene Kinder

Am 30. August war der internationale Tag der Verschwundenen. Er ruft Leid in Erinnerung, das im heutigen Europa fast unbekannt ist, in den meisten lateinamerikanischen Diktaturen der 50iger bis 90iger Jahre aber an der Tagesordnung war, und auch heute noch vorkommt.

Kritiker des Regimes, Angehörige der Opposition, VerteidigerInnen der Menschenrechte und ihre Angehörigen, und selbst ihre Kinder verschwinden spurlos von einem Tag auf den andern oder sie werden vom Militär festgenommen, und ihre Spur verliert sich zwischen Transporten. Es gibt keine Nachrichten und das Militär sowie die Behörden leugnen, sie je in Gewahrsam gehabt zu haben. Die Angehörigen sind hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Schmerz, bis sich nach Jahren die Vermutung festsetzt, dass sie wohl doch getötet wurden. Viele von ihnen konnten ihre Trauer nicht abschliessen; der Verlust ist für sie wie eine Wunde, die nicht heilen kann. Nach dem Bürgerkrieg sind auch bis heute 1989 Massengräber entdeckt worden mit unbekannten Leichen, Opfer von Erschiessungen! Nur zum Teil konnten sie Jahrzehnte später auf Grund von DNA-Spuren und der Stiftung für anthropologische Genetik von Guatemala FAFG ihren Familien zugeordnet und von ihnen bestattet werden. Die grosse Mehrheit der 45’000 Verschwundenen harrt immer noch der Entdeckung ihrer Gräber und ihre Angehörigen hoffen immer noch zu erfahren, was mit ihnen geschehen ist und wo sie begraben sind. 5000 davon waren Kinder zur Zeit ihrer Entführung oder ihres Verschwindens.

Die Angehörigen von Verschwundenen aus der Zeit des Bürgerkriegs haben sich zu Selbsthilfeorganisationen zusammengeschlossen: Grupo Apoyo Mutuo GAM, Asosiación de Familiares de Detenidos-Desaparecidos de Guatemala FAMDEGUA und Centro internacional para Investigaciones en Derechos Humanos CIIDH. Sie werden unterstützt durch die Fundacion de Antropologia Genetica de Guatemala. Diese vier Organisationen haben gestern daran erinnert, dass seit 2004 ein Gesetz in Arbeit ist (initiativa de ley 35-90), das die Schaffung einer Kommission für die Suche nach Opfern gewaltsamen Verschwindenlassens und andern Formen des Verschwindens, beinhaltet. Zwei Kongresskommissionen haben bereits befürwortend dazu Stellung genommen. Eine erste Lesung ist überstanden, und doch schafft es das Gesetz nie auf die obersten Ränge der Prioritätenliste des Büros des Kongresses. Für die aktuelle Legislatur besteht kaum mehr Hoffnung, aber der neugewählte Kongress könnte ab Januar 2016 diese Arbeit zu Ende führen und damit die gesetzlichen Grundlagen schaffen für ein staatliches Register der Verschwundenen und für eine Kommission, welche die verschiedenen staatlichen Organe, die mit diesem Thema betraut sind, koordiniert.

Verschwundene Kinder – geraubte Kinder
Die Kinder, die während des Bürgerkriegs verschwanden, sind nicht alle umgekommen. Zu einem Teil waren sie auch Opfer von Kinderraub. CIIDH, die Organisation, die sich speziell mit verschwundenen Kindern befasst, hat seit 2002 65 Personen ausfindig gemacht, die während des Bürgerkriegs als Kinder geraubt worden sind, und sie mit ihren leiblichen Angehörigen zusammengeführt und diese Zusammenführungen psychosozial begleitet. Zwei der Entführten sind gestorben, von einem gibt es leider keine sterblichen Überreste, die seine Angehörigen hätten begraben können. Es sind also seit der Gründung der CIIDH 67 von 1’500 dokumentierten Fällen von Kinderraub aufgeklärt worden. Es bleibt also noch viel zu tun.

Gesetz 35-90 zur Suche nach Verschwundenen
Mit dem vorgeschlagenen Gesetz hoffen die vier Organisationen folgende Hindernisse bei der Suche nach verschwundenen Personen zu überwinden:

  • beschränkter oder kein Zugang zu behördlichen Informationen
  • hohe Kosten bei der Suche, die bis jetzt über Spenden und Beiträge internationaler Organisationen finanziert wird
  • langwierige Recherchen, die in vielen Fällen mehr als 3 Jahre in Anspruch nehmen
  • Veränderte Identität der Verschwundenen und ihrer Eltern
  • Vernachlässigung der gutachterlichen Sorgfalt in der Forensik
  • Ausdehnung der behördlichen Abläufe in den Untersuchungsfällen
  • fehlende Unterstützung bei den Nachforschungen

Zurzeit sind fünf Fälle aus der Zeit des Bürgerkriegs vor dem obersten Gericht hängig. Die CIIDH strebt an, dass das oberste Gericht der Staatsanwaltschaft der Auftrag erteilt wird, die sicher aufwändigen Nachforschungen nach den Verschwunden einzuleiten. Das umständliche Verfahren wäre mit der Einführung der verlangten Kommission nicht mehr nötig. Alle nötigen Kompetenzen wären dann bei ihr zusammengefasst.

Zwanzig Jahre nach dem Friedensschluss ist also das Land immer noch mit der Aufarbeitung der Verbrechen an der Zivilbevölkerung beschäftigt, während dem der Bürgerkrieg in Guatemala schon längst aus den internationalen Medien verschwunden ist. Auch bei den zurzeit aktuellen Kriegen und humanitären Katastrophen wird es nicht anders sein. Bei allem guten Willen und internationaler Unterstützung wird es mehr als eine Generation nach einen Friedensschluss brauchen um den Opfern gerecht zu werden, die sozialen Wunden zu heilen und die seelischen Schäden zu lindern.

Die gewaltsam Verschwundenen sind nicht nur ein Phänomen der Vergangenheit. Im Nachbarland Mexico jährte sich am 26. September der Tag, an dem 43 Lehramtsstudenten in Ayotzinapa verschwunden sind. Sie wurden von der Polizei wegen Störung einer Wahlveranstaltung festgenommen und dem Kartell Guerreros Unidos, einer Drogenbande, übergeben, das sie dann verschwinden liess. –> NZZ