Mataquescuintla

Attentat – Drohungen – falsche Anschuldigungen
als Quittung für engagierten Umweltschutz
Seit Jahren gibt es Widerstand gegen ein Minenprojekt im Bezirk Mataquescuintla des kanadischen Bergbaukonzerns Tahoe Ressources. Zu den aktivsten Promotoren des Widerstandes gehört die Familie Reynoso Pacheo. Sie wehren sich gegen die riesigen Landschaftseingriffe und die Gewässerverschmutzung, die ein solches Projekt mit sich bringen würde. Die durch die Mine neu geschaffenen Arbeitsplätze sind für sie kein Argument, weil aus andern Projekten bekannt ist, dass diese hauptsächlich mit billigeren Wanderarbeitern aus Südamerika besetzt werden. Die Ansiedlung von alleinstehenden jungen Männern in Massenunterkünften hätte Alkohol- und Drogenprobleme zur Folge, die das soziale Gefüge in den umliegenden Dörfern massiv stören. Die 16-jährge Tochter Topacio hat sich wie ihre Eltern im Widerstand gegen die Mine engagiert und begonnen, eine Umweltschutz-Jugendgruppe aufzubauen.

Der Widerstand gegen das Minenprojekt erringt einen ersten Erfolg im November 2012. Eine Volksbefragung in Mataquescuintla ergibt, dass eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung (98%) diese Vorbehalte teilt. Die Rechtmässigkeit der Volksbefragung wird zwar angefochten, aber das Verfassungsgericht lehnt ein Jahr später die Beschwerden ab und bestätigt das Ergebnis.

Im Nachbarbezirk San Rafael de las Flores besteht bereits eine Mine derselben Gesellschaft. Auch hier protestiert die Bevölkerung gegen den Betrieb der Mine. Unter anderem auch auf einem Privatgelände auf der andern Strassenseite der Einfahrt zum Minengelände. Der Besitzer der Liegenschaft ist auf der Seite der Umweltschützer und hat ihnen die Erlaubnis dazu gegeben. Im April und Mai 2013 räumt die Polizei zweimal das Protestcamp gewaltsam. Im Rahmen einer solchen Räumungsaktion attackiert das Sicherheitspersonal der Firma die unbewaffneten Demonstranten und verletzt einen von ihnen schwer. Der Sicherheitschef, Alberto Rotondo, wird verhaftet und wegen dieser Aktion unter Anklage gestellt.

Im Mai 2013 ruft der Präsident Guatemalas, Otto Perez Molina, den Ausnahmezustand aus für vier Bezirke in der Umgebung der Mine. 2500 Soldaten patrouillieren in den vier Bezirken, weitere 1000 dienen als logistische Unterstützung. Der Ausnahmezustand wird nach sieben Tagen wieder aufgehoben.

Der Sicherheitschef, Alberto Rotondo, reicht eine Klage gegen Alex Reynoso wegen Morddrohungen ein.

Im April 2014 werden Alex Reynoso und seine Tochter Merilyn Topacio Reynoso Pacheo in ihrem Pickup beschossen. Topacio stirbt an ihren Verletzungen, der Vater überlebt nach einigen Tagen im Koma. Er hat bleibende Beeinträchtigungen im Bauchraum und kann seinen linken Arm nur noch sehr begrenzt gebrauchen.

Die Staatanwaltschaft, die zuvor gegen Alex Reynoso wegen angeblicher Morddrohungen ermittelt hat, ist nun gezwungen, auch wegen des Mords an Merilyn Topacio und des Mordanschlags auf ihn zu ermitteln. Die Ermittlungen kommen aber nur schleppend voran. Im Juni 2015 zeigen zwei weitere Personen Alex Reynoso an, er sei früher an erpresserischen Entführungen beteiligt gewesen. Die Staatsanwaltschaft hat den Verdacht einer missbräuchlichen Anzeige und wird nun auch gegen diese beiden Personen ermitteln.

Die Drohungen gegen die Familie gehen in verschiedenen Formen weiter, ebenso werden aus den Kreisen der Befürworter der Minengesellschaft weitere wenig fundierte Klagen gegen Alex Reynoso eingereicht. Die Familie lässt sich aber nicht einschüchtern und arbeitet weiter an ihrem Projekt der Umweltsensibilisierung für Jugendliche im Andenken an ihre Tochter.

Am 17. Oktober wurde Alex Reynoso zusammen mit zwei Kollegen in einem weiteren Attentat angeschossen und schwer verletzt. Das Attentat geschieht nur wenige Tage nachdem der Gemeinderat angekündigt hat, dass er das Ergebnis der Volksbefragung von 2012 akzeptiert und beabsichtigt alles in seiner Macht zu tun, damit der Volkswillen respektiert wird. 2012 haben sich 98% der Stimmberechtigten gegen das Minenprojekt ausgesprochen. In den Wahlen 2015 wurden in fünf umliegenden Gemeinden vier Bürgermeister gewählt, die die Bedenken gegen das Minenprojekt teilen. Es scheint, dass die kanadische Minengesellschaft Tahoe Ressources vor nichts zurückschreckt, um doch noch ihr Projekt realisieren zu können.

Noch vor zwei Wochen hat uns die Frau von Alex Irma aufgestellt von einem Wochenende erzählt, dass sie mit andern zusammen im Gedenken an ihre ermordete Tochter für Jugendliche veranstaltet hat. Sie möchte die Sensibilisierung für Umweltfragen fortsetzen, die Tapacio begonnen hat und die Jugendlichen für die Erhaltung der natürlichen Schönheiten Guatemalas begeistern. An diesem ersten nationalen Workshop haben Jugendliche aus allen Teilen des Landes teilgenommen. Encuentro Nacional Jóvenes “Protagonistas del cambio”

Zu diesem Fall hat NISGUA, eine Schwesterorganisation von Peacewatch Switzerland, einen Bericht auf seiner Website:

http://nisgua.blogspot.com/2014/11/we-are-peaceful-people-mataquescuintla.html

Auf der Website von Peacewatch Switzerland findet sich ein Bericht aus dem Jahr 2013 im Abschnitt „Ausnahmezustand in Santa Rosa und Jalapa“:

http://www.peacewatch.ch/Megaprojekte-und-die-Begleitar.79.0.html

Weitere Berichte von PWS-Freiwilligen auf Tortilla digital:

https://tortilladigital.wordpress.com/2013/05/05/ausnahmezustand-in-jalapa-und-santa-rosa/

… und auf tonatiuh.eu
http://tonatiuh.eu/Wordpress/?p=1029

Chronologie Mataquescuintla

2008 Seit 2008 wehrt sich die Bevölkerung gegen die Mine in San Rafael, einem Nachbarort von Mataquescuintla. Während der vorgängigen Planungs- und Bewilligungsphase gab es keinen Widerstand, weil die Grabungsarbeiten der Bevölkerung als archäologische Ausgrabungen auf der Suche nach Dinosaurierskeletten verkauft wurden.
2013 Tahoe Resources, eine kanadische Minengesellschaft betreibt in San Rafael las Flores (Departement Santa Rosa) seit 2013 die drittgrösste Silbermine der Welt. In der Umgebung, unter anderem auch im Bezirk Mataquescuintla, möchte sie weitere Minen eröffnen und hat dafür um Explorationslizenzen nachgesucht. Tahoe Resources ist eine 40%-Tochter von Goldcorp.
11.11.12 In einer Volksbefragung (consulta de vecinos) lehnt die Bevölkerung von Mataquescuintla das Projekt mit 98% Nein-Stimmen ab.
2012/2013 Der Sicherheitschef der Mine Alberto Rotondo bedroht und verleumdet Alex Reynoso indirekt durch Gerede, dieser sei in Erpressungsgeschäfte verwickelt.
2013 Der Sicherheitschef Alberto Rotondo hat bei der Staatsanwaltschaft eine Klage gegen Alex Reynoso wegen Bedrohung eingereicht.
März und Mai 2013 Vor der bereits bestehenden Mine in San Rafael wird gegenüber der Einfahrt zum Minengelände auf privatem Grund friedlich protestiert. Die Polizei räumt zweimal gewaltsam das Protestlager auf.
01.04.13 Die privaten Sicherheitskräfte der Mine attackieren unbewaffnete Demonstranten in der Umgebung der Mine. Einer von ihnen wird schwer verletzt.
30.04.13 Der Sicherheitschef, Alberto Rotondo der Mine wird am Flughafen vor seinem Abflug verhaftet und bis zur Eröffnung des Gerichtsverfahrens gegen ihn unter Hausarrest gestellt. Ihm wird vorgeworfen die Attacken gegen die Demonstranten im März und April 2013 befohlen und die Justizbehörden bei ihren Ermittlungen behindert zu haben.
02.05.13 Der Präsident Guatemalas, Otto Perez Molina, ruft den Ausnahmezustand aus für vier Bezirke in der Umgebung der Mine. 2500 Soldaten patroullieren in den vier Bezirken, weitere 1000 dienen als logistische Unterstützung. Der Aufnahmezustand wird nach sieben Tagen wieder aufgehoben.
  Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun auch gegen den Sicherheitschef Alberto Rotondo wegen des Attentats und der von ihm ausgesprochenen Drohungen. Die Ermittlungen gehen nur sehr schleppend voran.
09.12.13 Das Verfassungsgericht lehnt zwei Verfassungsbeschwerden gegen die Volksbefragung und ihr Resultat ab und bestätigt die Rechtmässigkeit des Ergebnisses.
13.04.2014 Alex Reynoso und seine Tochter Merilyn Topacio Reynoso Pacheo werden in ihrem Pickup beschossen. Topacio stirbt an ihren Verletzungen, der Vater überlebt nach einigen Tagen im Koma. Er hat bleibende Beeinträchtigungen im Bauchraum und kann seinen linken Arm nur noch sehr begrenzt gebrauchen.
Juni 2015 Zwei Personen aus dem Bezirk zeigen Alex Reynoso bei der Staatsanwaltschaft an, er sei früher an erpresserischen Entführungen beteiligt gewesen.

Die Staatsanwaltschaft hat den Verdacht einer missbräuchlichen Anzeige und wird nun auch gegen diese beiden Personen ermitteln.

Die Staatsanwaltschaft rät Irma Pacheo sich aus Sicherheitsgründen in der Öffentlichkeit von ihrem Mann fernzuhalten.

Juli 2015 In der Schule wird der jüngere Sohn (13 Jahre) von einem Gleichaltrigen bedroht und beschimpft. Seine Schwester habe den Tod verdient, sein Vater habe gesagt, dass die ganze Familie getötet werden müsse. Alex und Irma sagen, dass dieser Junge aus einer Familie ist, mit Verbindungen zu einem Erpressungsring.
  Die Norwegische Pensionskasse und Goldcorp (-26%) stossen grosse Beteiligungen an Tahoe Resources ab.
Sept. 2015 Bei einer Wahlveranstaltung in einem Nachbarort wird in die Luft geschossen. Der Kandidat Hector Felipe Guevara Pineda (Partido Popular) der die Wahl zum Bürgermeister verliert, zeigt Alex und einen weiteren Mann an, Drohungen gegen ihn ausgestossen und auf ihn geschossen zu haben. Alex war zu diesem Zeitpunkt gar nicht in diesem Ort.
09.10.15 Der Bezirk anerkennt die Ergebnisse der Volksbefragung und will das Ergebnis in den Gesetzen und Reglementen in seiner Zuständigkeit umsetzen.
17.10.15  Zweites Attentat auf Alex Reynoso und zwei weitere Führer des lokalen Widerstands gegen das Minenprojekt in Mataquescintla.
30.10.15 Alberto Rotondo, der Sicherheitschef der Minera San Rafael, kommt in Untersuchungshaft wegen der Attacke gegen gegen das friedliche Protestcamp vom April 2013. Sein Prozess beginnt am 20. Januar 2016.
Quellen:  
29.10.12 http://www.prensalibre.com/jalapa/Consulta-Mineria-Jalapa_0_808719174.html
???? http://noticias.emisorasunidas.com/noticias/nacionales/cc-avala-consulta-popular-que-vecinos-se-oponen-mineria
???? http://www.s21.com.gt/node/302047,
???? http://www.prensalibre.com/jalapa/mujer-muere-baleada-padre-resulta-herido-Mataquescuintla-Jalapa_0_1120088125.html
02.05.13 http://www.miningwatch.ca/es/news/organizaciones-internacionales-exigen-justicia-ante-ataque-armado-en-contra-de-l-deres-comunita
  http://noticias.com.gt/nacionales/20130502-declaran-estado-de-sitio-en-cuatro-municipios-opuestos-a-mineria.html
23.09.13 http://www.plazapublica.com.gt/content/las-mentiras-del-estado-de-sitio
16.09.13 http://www.plazapublica.com.gt/content/el-pico-del-conflicto-minero
?? http://www.tahoeresources.com/operations/escobal-mine/
?? http://politicsofpoverty.oxfamamerica.org/2015/07/why-did-goldcorp-really-pull-out-of-tahoe-resourcess-troubled-guatemalan-mining-project/
14.09.15 http://rabble.ca/blogs/bloggers/miningwatch/2015/09/crumbling-political-support-tahoe-resources-guatemala
14.01.15 http://www.thenation.com/article/poor-guatemalans-are-taking-north-american-mining-companies-and-have-bullet-wounds-pr/