Hannah, die Hebamme

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Mit Hannah, einer Belgierin, bin ich in der Iguana perdida, einer Backpacker-Herberge am Lago Atitlan, ins Gespräch gekommen. Sie macht hier eine Woche Ferien, bevor sie zu ihrem neuen Arbeitsort in Rio Dulce weiterreist. Sie wird dort in einer ambulanten Klinik als Hebamme arbeiten. Beim Abendessen erzählt sie mir von ihren Erlebnissen an einem früheren Arbeitsort im Norden des Departements Huehuetenango, nahe der mexikanischen Grenze. Dort hat sie von September 2012 bis Juli 2014 zusammen mit ihrem Mann im Maya-Dorf Yalanhuitz 1500 Einw. (Ethnie: Quanjobal) gelebt und gearbeitet. Sie als Hebamme, ihr Mann als Ambulanzfahrer einer Sanitätsstation, die von einem belgischen Hilfswerk gegründet wurde.

Vor zwölf Jahren (2003) war Hannah zum ersten Mal mit einer Kollegin zwei Monate in den Ferien in Guatemala und gleich am zweiten Tag bestiegen sie den Vulkan Payaca. Damals war sie gerade 16 Jahre alt und ihre Mutter liess sie nur ungern gehen, und auch nur weil, sie ihre etwas ältere Begleiterin gut kannte. Auf dieser Reise entdeckte sie ihre Liebe zu Guatemala.

Nach einem Studium der Kunstgeschichte entschied sie sich für eine Ausbildung als Hebamme, weil sie gerne in einem helfenden Beruf arbeiten und reisen möchte. Sie reiste als Backpacker in Asien, arbeitete als Krankenschwester in einem Gesundheitszentrum und leistete dann einen Einsatz als Hebamme in Uganda. Dort traf sie ihren künftigen Mann und zusammen entschlossen sie sich für einen längeren Arbeitsaufenthalt in Guatemala.

Weit draussen auf dem Land
Ihr neuer Arbeitsplatz war in einem kleinen Dorf mit 1500 Einwohnern im Norden des Departements Huehuetenango nahe der mexikanischen Grenze. Das Dorf in den Bergen auf 1200 m.ü.M. hat keine Elektrizität, die Strasse dorthin ist nicht asphaltiert und nur zwei Personen haben einen Führerschein. Die beiden bezogen ein Haus und richteten sich ein, bebauten einen kleinen Garten, hielten sich Hühner und kauften ein Pferd. Die Dorfbewohner sind meistens Rückkehrer aus Mexiko, wohin sie nach dem Bürgerkrieg geflohen sind. Die meisten von ihnen sind Maya- Quanjobal oder Chuj und können nicht lesen und schreiben und nur ein kleiner Teil spricht spanisch.

In ihrem Beruf als Hebamme wurde sie freundlich aufgenommen, aber unterschwellig spürte sie eine Zurückhaltung und manchmal auch Widerstand von den Patientinnen gegenüber ihrer Arbeit. Ähnlich wie sie die Bevölkerung auch den Ärzten entgegenbringt: Die Leute warten möglichst lange, bis sie Hilfe beanspruchen.

Akzeptiertwerden und sich zugehörig fühlen
Um diese Integrationsschwierigkeiten zu überwinden und auch sozial Anschluss zu finden, versuchten die beiden die lokale Sprache Quanjobal zu lernen, und besuchten eine der acht christlichen Kirchen im Dorf. Es dauerte etwa ein Jahr, bis sie als AusländerInnen sozial akzeptiert sind und auch ausserhalb der Arbeit soziale Kontakte mit den Nachbarn und einigen Familien im Dorf pflegten. Dabei war nicht nur die Sprache ein Hindernis, sondern auch die Art der Kommunikation. Die Quanjobal in diesem Dorf sprechen auch untereinander wenig, wichtiger ist die nonverbale Kommunikation mit Gesten und Berührungen. Auch diese „Sprache“ muss erlernt werden.

Ein Zeichen für Hannahs berufliche Integration war die erste Einladung an einer Beratung des Ältestenrats, alles Männer, teilzunehmen, der darüber zu beraten hatte, ob eine ihrer Patientinnen ins Spital gefahren werden soll. Und in der Nachbarschaft fühlte sie sich voll akzeptiert, als ihre Nachbarin lautstark ärgerlich wurde, als ihre Katze ein Entenkücken der Nachbarin getötet hatte. Im Laufe der Zeit entwickelten sich Freundschaften, sie wurden von andern Familien zum Essen eingeladen, aber bei den ganz persönlichen Sorgen der indigenen Freunde, wie Alkoholismus, häusliche Gewalt etc. wurden sie doch nicht ins Vertrauen gezogen.

Schwierige aber letztlich fruchtbare Begegnung zweier Berufskulturen
Zum beruflichen Netz des Sanitätspostens gehören 22 traditionelle Hebammen (comadronas) der näheren Umgebung, die sich alle sechs Wochen zum Erfahrungsaustausch trafen. Auch hier war die Integration ein langer Prozess. Zunächst schrieben ihr ihre Kolleginnen sehr viel berufliche Autorität zu, obwohl sie die jüngste im Kreis war und selbst noch keine Kinder geboren hatte. Nur weil sie weiss war, und weil sie als einzige eine formelle Ausbildung als Hebamme hatte.

Comadrona – eher Berufung als Beruf
Die indigenen comadronas spüren in sich eine Berufung zu dieser Aufgabe und lernen ihr Handwerk von den älteren Kolleginnen. Oft nutzen sie ihre Träume, um in komplizierten Situationen eine gute Lösung zu finden. Für sie ist es kaum vorstellbar, dass ihr Beruf auch mit Hilfe von Büchern gelernt werden kann. Hannah musste lernen, sich bei den Diskussionen mit ihren Kommentaren zurückzuhalten. Oft war sie versucht, den indigenen comadronas zu sagen, wie es richtig gemacht wird. Richtig, natürlich nach den belgischen Hebammenhandbuch. Erst nach und nach hat sie gelernt, zuzuhören und das Vorgehen der comadronas als erfolgreich anzuerkennen. Manchmal konnte sie auch hinter einer zunächst unverständlichen Handlungsweise für sich einen Wirkungszusammenhang erkennen. So z.B. hat sie beobachtet dass die comadronas bei schweren Geburten mit aller Kraft auf beide Seiten des Hüftknochens (Illeum) drücken. Zufällig hat sie dann in einem Anatomiehandbuch entdeckt, dass so tatsächlich der Geburtskanal etwas erweitert werden kann, weil der Hüftknochen etwas beweglich ist.

Mauerbild in San Pedro La Laguna

Mauerbild in San Pedro La Laguna                            (c) www.cultureatitlan.com   Comadrona Iyom Chona Rax              Ein Interview mit ihr unter diesem Link –>

Ein anders Beispiel über den Nutzen indigener Verfahren und den Schaden die europäische Methoden manchmal anrichten können, hat sie aus den Erzählungen von Kolleginnen erfahren: Die comadronas schneiden die Nabelschnur traditionell mit einem scharfkantigen Blatt einer bestimmten Grasart durch. Mit dem Aufkommen westlicher Medizin wurden mehr und mehr Rasierklingen benutzt, aber ohne die dazugehörige Hygiene. Die, durch den mehrfachen Gebrauch rostigen Rasierklingen haben in gewissen Dörfern in ganzen Generationen nachgeburtliche Infektionen verursacht.

Geburt ist keine Krankheit….
Während der Schwangerschaft erhalten die Schwangeren ab und zu Besuch von ihrer comadrona. Diese trinkt Kaffee mit der werdenden Mutter, beobachtet ihr Verhalten und ihre Körperhaltung und palpiert den Bauch. Bereits sehr früh arbeitet sie mit Massagen auf eine günstige Lage des Kindes im Uterus hin, auch dann schon, wenn Hannah den Eindruck hatte, der Embryo sei doch noch so klein, dass er noch viel Platz im Bauch der Mutter hatte und seine Lage noch dreimal ändern könnte.

Die comadronas und die indigenen Frauen gehen mit den Kontraktionsschmerzen ganz anders um als die europäischen Hebammen und ihre Klientinnen: Beim Einsetzen der Wehen arbeiten die Frauen weiter und verdrängen den Schmerz, sie kochen, machen Tortillas, waschen und erledigen Haushaltarbeiten. Erst beim Einsetzen der Presswehen holen sie die aktive Hilfe der comadrona und die geht mit ihnen herum, führt sie in die Sauna (temascal) und schirmt sie vor der Geburt von Mann und Kindern ab. Nur die Mutter der Gebärenden und die comadrona bleiben im Raum, die übrigen Familienmitglieder bleiben in der Nähe, aber ausserhalb des Raums. Während für Hannah das Kontrollieren der Herztöne zur Routine solcher Besuche gehörte, arbeiten die comadronas viel stärker mit Beobachtung der Schwangeren und dem Palpieren des Bauchs.

Durch die Christianisierung gingen viele Maya-Rituale im Zusammenhang mit der Geburt verloren. Die Grosselterngenerationen kennt sie noch, aber von der heutigen Generationen der comadronas werden sie mit wenigen Ausnahmen nicht mehr praktiziert. So soll das Schwenken eines Huhns über dem Bauch einer Schwangeren zu einer leichten Geburt verhelfen. Unbedingt zu vermeiden sei, dass die Schwangere einen Mann zu Pferde zu Gesicht bekommt. Ab und zu kommt noch vor, dass für die Geburt ein Maya-Altar mit bestimmten Pflanzen und Kerzen aufgebaut wird. Das sind temporäre, meist kreisrunde Bilder (ähnlich einem Mandala) gelegt mit Blüten, Nadeln von Nadelbäumen und Blättern von Heilpflanzen. Die zum grossen Teil verschwunden Maya-Rituale sind heute ersetzt durch viele christliche Gebete.

Die comadronas führen im Geheimen bei unerwünschten Schwangerschaften auch Abtreibungen aus. Die Mädchen und Frauen im Dorf vertrauen sich in einer solchen Situation einer comadrona an. Meist bleibt dann die Abtreibung doch nicht geheim, aber sie ist mit einem Tabu belegt, darüber wird nicht gesprochen. Durch ihre Tätigkeit erhalten die comadronas viel Einblick in die Familienverhältnisse des ganzen Dorfs. Sie haben deshalb eine besondere soziale Stellung und werden vom Ältestenrat zugezogen, wenn es um Frauenangelegenheiten geht, wie z. B. eine Vergewaltigung.

In vielen Mayadörfern haben die Kinder sehr früh Geschlechtsverkehr und es kommt oft zu sexueller Gewalt an Mädchen zwischen 12 und 16 durch ältere Männer. Dies wird erst als Vergehen angesehen, wenn die Frau körperlich geschädigt wird. Wenn ein Mädchen schwanger wird, muss sie den Schwängerer heiraten, sich seiner Familie anschliessen und sich den Schwiegereltern unterordnen.

Sexuelle Aufklärung gibt es erst seit ein paar Jahren. Die comadronas sind daran nicht beteiligt. Die Lehrkräfte dafür kommen von ausserhalb des Dorfs. Dieser Aufklärungsunterricht wurde von vielen Dorfbewohnern bekämpft mit dem Argument, die Kinder würden auf diese Weise erst recht zu frühem Sex angeregt.

Was hat Hannah von der traditionellen Geburtshilfe gelernt?
Vor allem konnte sie miterleben, wie eine natürliche Geburt aussieht. Sie hat erkannt, dass nicht die Hebamme das Kind auf die Welt bringt, sondern die Gebärende, und sie dabei lediglich Unterstützung dabei leistet. Und sie hat gelernt der Natur zu vertrauen. Es gibt keine Norm für eine gute Geburt. Dauer und Intensität der Kontraktionen können sehr unterschiedlich sein, das Schmerzempfinden der Gebärenden ist individuell. In zwei Jahren hat sie gelernt stärker mit allen ihren Sinnen zu beobachten als immer gleich zu intervenieren. Sie ist gut darin geworden, das Kind, seine Lage und seine Bewegungen im Uterus zu ertasten und sie kann heute eine Schwangere in ihren Bewegungen, ihrem Ausdruck und ihrer Körperhaltung lesen.

Bei diesem Lernprozess ist sie stark unterstützt worden durch Maria, die Kollegin, mit der sie im Ambulatorium am nächsten zusammengearbeitet hat. Aber auch das hat Zeit gebraucht, soviel Vertrauen aufzubauen, dass die traditionelle comadrona ohne formale Ausbildung wagte, am Vorgehen ihrer weissen Kollegin mit Universitätsabschluss Kritik zu üben, und bis diese die Kritik auch annehmen konnte.

Die ersten zwei Jahre am neuen Arbeitsort waren vielversprechend, die Integration in das Dorf und die ungewohnte Arbeitssituation ging zwar nicht ganz so schnell wie sich Hannah und ihr Mann sich das erhofft haben, aber das gegenseitige Verständnis nahm stetig zu und schien absehbar, dass es gelingen würde auch die noch verbleibenden Vorbehalten abzubauen. Wenn da nicht der Konflikt um das Staudammprojekt das Dorf gespalten hätte.                                                                                          Fortsetzung zweiter Teil   –>