Paulos Geschichte

Paulo (Name geändert) ist der Vater von Juan einem Lehrer des Proyecto Linguistisco Quezaltenango. Er kommt regelmässig in die Schule, um den ausländischen StudendInnen über seine Erfahrungen während des Bürgerkriegs zu berichten. Paulos Dorf liegt in den Bergen der Provinz San Marco; die Einwohner waren meistens Bauern und hatten kaum Schulbildung und lebten hauptsächlich von dem, was sie auf dem Feld produzierten.

Ende der 70iger Jahre kam ein Jesuitenpriester ins Dorf, der die Dorfbewohner ermunterte, mehr zusammenzuarbeiten und ihre Produkte gemeinsam zu vermarkten. Eine Kooperative wurde gegründet und mit Erfolg betrieben und erweitert. In den 70iger Jahren bildete sich eine Guerilla in andern Regionen des Landes. Deren Initianten waren ex-Militärs, die die Art und Weise, wie die Landbevölkerung unterdrückt wurde, nicht mehr verantworten konnten. Im Gegenzug und mit Hilfe der CIA hat das Militär die Terrorismusbekämpfung ausgebaut und dazu auch eine paramilitärische Formation ausgebildet und eingesetzt: Die meisten Mitglieder dieser Patrullas de Autodefensa Civil (PAC) wurden in den Dörfern zwangsrekrutiert – nur Studenten und Handwerker waren befreit.

Auch das Dorf von Paulo kam unter den Einfluss dieser Art der Terrorismusbekämpfung, damals noch ohne nennenswerte Guerillaaktivität im Dorf oder in der Umgebung. Eines Tages fassten die PAC einen Fünfzehnjährigen und befragten, wer im Dorf etwas mit der Guerilla zu tun habe. Der verängstige Junge, in der Hoffnung wieder freigelassen zu werden, nannte zwei Männer: Paulo, von dem er wusste, dass er Präsident der Cooperative war und den Bürgermeister, der das Projekt unterstützte. In der staatlichen Propaganda und aus der Sicht der USA, waren solle Kooperativen Ausdruck des Kommunismus und damit terroristische Aktivität, die im Keime zu Ersticken war. Tags darauf wurden beide von der PAC verhaftet. Bei der Verhaftung sagte der Führer der Patrouille zu Paulo „Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich Dich gewarnt. Ich weiss, dass Du ein guter Mann und kein Terrorist bist. Aber das Militär sitzt uns im Genick und will Resultate sehen.“ Nachdem die Gefangenen dem Militär übergeben worden waren, sahen sie, dass auch der Junge, der sie angezeigt hatte, mit ihnen im gleichen provisorischen Gefängnis sass und ebenfalls verhört werden sollte. Die Verhöre dauerten etwa zwei Wochen und hatten zum Ziel, dass die Gefangenen weitere Mitglieder der Guerilla nennen sollten. In der ersten Phase wurden sie durch gewöhnliche Soldaten geschlagen und getreten, und als das nichts nützte, kam ein Folterspezialist aus der Departementshauptstadt angereist, der raffiniertere Methoden einsetzte: Dunkelhaft in Erdlöchern, Scheinerhängen, Hunde, die auf Gefangene abgerichtet waren und sie bissen. Bei einer Scheinerschiessung bat Paulo die Soldaten, ihn doch zu erschiessen, damit er nicht weiter leiden müsste. Paulo und seine Mitgefangenen konnten aber keine Namen preisgeben, weil sie keine wussten. Ein Soldat hatte Mitleid mit den Gefangenen und gab ihnen im versteckten etwas Wasser und teilte eine Tamale mit ihm. Nach einem weiteren Transport, der nun schwerverletzten Gefangenen übernahm ein höherer Offizier die Verhöre, diesmal ohne Folter. Immer die gleichen Fragen, immer die gleichen Vorwürfe …. Als Argument, dass sie alle in der Guerilla seien wurde angeführt, dass der Priester des Dorfs, der sie zur Cooperative inspiriert hatte, inzwischen nach Mexico geflohen sein. Das sei doch ein klares Schuldeingeständnis. An einigen Tagen dieser Verhöre hat der höhere Offizier entschieden sie freizulassen, aber nicht, ohne dass sie am Tor noch ein Papier unterscheiben mussten. Paulo unterschrieb, ohne dass er wusste, was da drinstand, er hätte alles unterschrieben, nur um wieder freizukommen. Er weiss bis heute nicht, was er damals unterschrieben hat.

Er machte sich zu Fuss auf den Heimweg zu seinem Dorf, Schritt für Schritt. Wegen seinen aufgeschwollen Beinen und seinen gebrochenen Rippen kam er nur sehr langsam vorwärts und befürchtete, zwar in Freiheit, aber noch bevor er zuhause ankommen würde, zu sterben. Nach einigen Stunden, in denen er nicht mehr als zwei Kilometer zurückgelegt hatte, begegnet ihm ein Dorfgenosse, der ihm hilft. Er realisiert, dass sein Nachbar Paulo es nicht lebend nachhause schafft und holt sein Pferd. Nach einigen Stunden kommt er zurück und Paulo könnte aufsitzen. Er ist aber zu schwach, um sich auf dem Pferd halten zu können. Der Nachbar besorgt sich Tücher und bindet ihn auf’s Pferd und bringt ihn so nach Hause. Seine Familie, die seit seiner Verhaftung nichts von ihm gehört hat, ist erleichtert über seine Rückkehr und erschrocken über seine Verletzungen. Das ganze Dorf versammelt sich in und vor seinem Haus und bringt Esswaren und Tücher, um ihn zu verbinden. In den ersten Tagen ist nicht klar, ob er durchkommt. Als es ihm wieder etwas besser geht, kommt der Kommandant der PAC nochmals vorbei und verrät ihm, dass sie den Auftrag hätten, sein Haus zu überwachen, um so herauszufinden, ob er Besuch von Guerillas bekäme. Das setzt natürlich alle Bekannten und die Mitglieder der Cooperative, mit denen er als Präsident Kontakt hatte, ebenfalls unter den Verdacht, Guerilleros zu sein. Deshalb entschliesst er sich, mit seiner Familie nach Mexico zu fliehen. Dort leben bereits viele guatemaltekische Mayas, die zwar als Flüchtlinge akzeptiert waren, aber denen jede politische Tätigkeit verboten war.

Hier endete der Bericht von Paulo. Er ist immer noch körperlich gezeichnet von der Folter und vom harten Leben als Bauern in den Bergen, aber er strahlt auch Würde aus, die Strapazen haben ihn nicht gebrochen, er ist stärker und innerlich aufrecht daraus hervorgegangen. Das ist wohl nicht allen vergönnt. Vielleicht hat auch das wiederholte Erzählen seiner Geschichte vor den StudentInnen der Sprachschule etwas zu seinem Verarbeitungsprozess beigetragen.

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