Als Guerilla in den Wäldern

Juan, der Sohn von Paulo (beide Namen geändert), war 12 Jahre alt, als er mit seinen Eltern anfangs 80iger Jahre nach Mexico floh. Obwohl Vater Paulo nach seiner Inhaftierung durch das Militär wieder freigelassen wurde, stand sein Haus und seine Tätigkeit als Präsident der Cooperative unter Beobachtung der Patrullas de Autodefensa Civil (PAC). Irgendein Vorwand hätte genügt, dass er oder seine Besucher als Unterstützer der Guerilla hätte festgenommen werden können. Deshalb entschloss sich die Familie zur Flucht über die Grenze. Da waren sie zwar vor Verfolgung sicher, unter der Auflage, sich jeder politischen Tätigkeit zu enthalten, um ihr Asyl nicht zu gefährden. Ergänzend zur mexikanischen Schule organisierten die Flüchtlinge unter sich Bildungsgruppen, um ihre Sprache und Kultur, Mam, an ihre Kinder weiterzugeben und sie über die Situation in der Heimat zu informieren. An diesen Bildungsgruppen beteiligten sich auch Guerillas, die über die Grenze kamen, um sich zu erholen und den Kontakt mit den Flüchtlingen zu pflegen. So kam Juan in Kontakt mit den Guerillas, die in seinem jugendlichen Alter für ihn zu Vorbildern wurden. In ihm wuchs der Wunsch, ebenso wie sie für seine Heimat zu kämpfen, damit er und seine Familie wieder in ihr Dorf zurückkehren können. Mit 17 entschloss er sich, sich den Guerillas anzuschliessen. Sein Vater hatte nicht gerade Freude an seiner Entscheidung, zeigte aber ein gewisses Verständnis, seine Mutter weinte und versuchte ihn umzustimmen.

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© Kyla Meyers

Er schloss sich einer Gruppe an, die in Quiché der Nachbarprovinz operierte. Diese Gruppen waren meist unterwegs auf Bergwegen im Wald, oft oberhalb der Zone der bewohnten Dörfer und selten mehr als eine Woche in improvisierten Camps. Deshalb war oft auch die Wasserversorgung knapp. Heikel war der Nachschub an Material und Esswaren aus den Dörfern, die alle vom Militär und den PAC überwacht wurden. Deshalb wurde meist nachts und möglichst abseits der Strassen marschiert. Damit der Rauch, die Camps nicht verriet, kochten sie vor fünf Uhr morgens in der Dämmerung oder um sechs Uhr nachmittags, wenn meist Nebelschaden sich zu Wolken verdichteten. Die Guerillaoperationen richteten sich meist gegen Transporte des Militärs auf den Strassen, sie legten Minen und versteckten sich im nahen Wald, um sie auszulösen, wenn ein Lastwagen oder Jeep darüber fuhr.

Wenn Juan den SprachstudentInnen des Proyecto Lingüístico Quezaltenango PLQ über diese Zeit erzählt und sie über die alten Pfade zu einem früheren Guerilla-Camp führt, ist er sichtlich stolz auf seine Vergangenheit.

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© Kyla Meyers

Er unterstreicht wie viel Entbehrungen sie auf sich nahmen und wie viel Disziplin nötig war, auf diese Weise im Wald zu überleben und jederzeit einsatzfähig zu bleiben. Diese Zeit hat ihn stark geprägt. Wenn er die StudentInnen führt, schlägt er sein Marschtempo an und nimmt wenig Rücksicht auf die Langsameren. Er tadelt die Gruppe, wenn sie während des Marsches plaudert. Das wäre bei der Guerilla verpönt gewesen, jeder Laut, jede Ablenkung könne die Sicherheit der Gruppe gefährden und zudem brauche das Gespräch nur zusätzlichen Atem, den sie für die schweren Transporte gebraucht hätten. Bei seinen Erklärungen während der Halte, reagiert er ungehalten, wenn die Teilnehmenden Zwischenfragen stellen. Sein Stil der Erklärungen hat etwas einer politischen Schulung, wie sie in linken Gruppierungen der 70iger Jahre in der Schweiz gang und gäbe waren. Er legt Wert darauf, dass seine Tätigkeit an der Schule nur die Hälfte seiner Arbeit ausmacht. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt. Die andere Hälfte widmet er der politischen Arbeit in seinem Heimatdorf, in das er und seine Eltern zurückgekehrt sind. Dort setzt er sich mit seinen ParteigenossInnen der URNG (Union Revolucionaria Nacional Guatemalteca) für die Verbesserung der Lebensbedingungen und gegen die in Guatemala allgegenwärtige Korruption ein. Zurzeit sind sie mitten im Wahlkampf und er rechnet sich gute Chancen aus für einen Sitz im Gemeinderat. Als kleine Partei der armen Leute können und wollen sie sich nicht, wie die meisten der andern Parteien, Stimmen kaufen mit Geschenken. Sie hätten auch kaum Geld für Plakate und Flugblätter, sondern sie müssten von Haus zu Haus gehen, um die Dorfbewohner überzeugen.

Mich beeindruckt, wie stark und wie unterschiedlich der Bürgerkrieg Vater und Sohn geprägt haben. Juan, der Sohn und Ex-Guerilla hat die Aura eines disziplinierten, entschlossenen Parteifunktionärs, hart gegen sich und gegenüber anderen. Sein Vater dagegen strahlt Autorität und Würde eines in seinem Umfeld respektierten älteren Mannes aus, der viel Schweres erlebt hat und dadurch eine Weisheit erlangte, die über die aktuellen Tagesgeschäfte hinausgeht.

So weit die subjektive Geschichte zweier Männer aus einem Dorf des Departements San Marco. Zur Ergänzung einige objektive Daten aus dem Bericht „Guatemala Nunca Mas“ des Büros für Menschenrechte des Erzbistums Guatemala, die breit anerkannt werden:

Dauer: 1960 bis 1996 (Friedensabkommen, das leider bei weitem noch nicht umgesetzt ist)

669 Massaker                 200‘000 Tote                 45‘000 desaparecidos Verschwundene
1 Million desplazados (Vertriebene, Zwangsumgesiedelte und Flüchtlinge)

93% begangen durch den Staat (Militär, Polizei und PAC)
3% durch die Guerilla (32 Massaker)
4% nicht eruierbar

83% der Opfer waren Mayas

45% der Menschenrechtsverletzungen in der Provinz Quiché

Seit 1982/1983 wurden etwa 900.000 Campesinos zwischen 15 und 60 Jahren, was etwa 80 % der männlichen Bevölkerung in den indigenen ländlichen Gebieten entspricht, in die PAC (Patrullas de Autodefensa Civil) rekrutiert.

 

 

 

 

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